Der Komponist muss aus seiner Zeit schöpfen

Eine neue CD erinnert an das Liederwerk des 2006 verstorbenen Churer Komponisten Meinrad Schütter.

Diese CD und eine Veranstaltung zu Ehren Meinrad Schütters gestern in der Kantonsbibliothek sollen sein Werk gerade in seiner Heimatstadt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen.
Der CD-Titel «Duo zu dritt» ist als Hommage zweier seiner sehr eng verbundenen Musikerinnen zu verstehen. Er proklamiert die immer noch von beiden Musikerinnen tief empfundene Präsenz Schütters, mit dem sie 17 Jahre intensiv zusammengearbeitet haben. Die begnadete Pianistin Ute Stoecklin und die charaktervolle Mezzosopranistin Stefania Huonder lernten sich 1988 kennen. Es folgten unzählige Konzerte im In- und Ausland, an denen immer wieder auch neue Lieder Schütters uraufgeführt wurden. Beide Musikerinnen setzen sich sehr engagiert sowohl konzertant als auch mit der Gründung der Meinrad-Schütter-Gesellschaft für sein Werk ein.

Frühe Verbindung zur Musik

Aber wer war Meinrad Schütter? Geboren wurde er in Chur. Seine Mutter, Ernilia Hegner, sang am Klavier und brachte so den kleinen Meinrad schon früh mit Musik in Verbindung. Sein Vater Josef Johann Schütter war als Stadtrat für das Baudepartement zuständig, zudem war er lange Zeit Mitglied des Grossen Rates. Drei Abbrüche prägen Meinrad Schütters Leben: Nach Beendigung des Churer Lehrerseminars begann Meinrad 1930 sein Musikstudium am Zürcher Konservatorium. Der Tod seines Vaters zwang ihn aber 1935, sein Studium aus finanziellen Nöten abzubrechen. Er arbeitete von nun an intensiv autodidaktisch weiter.
Der zweite Abbruch folgte 1939 mit dem Ausbruch des Krieges, den er als Musikstipendiat in Rom erleben musste. Er erhielt den Marschbefehl zum Aktivdienst, welchen er im Prättigau und auf dem San Bernardino korrespondierend mit Willy Burkhard und emsig komponierend verbrachte. Anders ist es kaum zu erklären, wie in dieser Zeit seine Zwei-Stunden-Oper «Medea» entstanden ist. Der dritte Abbruch traf ihn als 44-jährigen «Schüler» des seit 1950 in Zürich wirkenden Paul Hindemith durch dessen Tod 1954. Ein drittes Mal konnte er seine «Studien» nicht komplettieren. Dennoch gab er nicht auf und hielt fest sein Ziel vor Augen. Er komponierte noch bis kurz vor seinem Tod 2006.

Kein «Nationalstil»

Die CD vereinigt Lieder von scheinbar unterschiedlichen Komponisten wie Othmar Schoeck, Edvard Grieg, Jean Sibelius und eben Meinrad Schütter. Grosse Naturverbundenheit war ihnen eigen, stammten sie doch alle aus Orten abseits jeglicher Industrialisierung. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die fehlende nationale Musiktradition, auf die sie hätten zurückgreifen können. Es gab vor ihrem Auftreten keinen typisch norwegischen, finnischen oder schweizerischen «Nationalstil». Alle vier Komponisten mussten aus ihrer Zeit schöpfen. Ihnen gemein war die Orientierung hin auf die deutsche Romantik, sowie das Suchen nach einer eigenen musikalischen Sprache, sei es durch das Aufgreifen volksmusikalischer Elemente oder durch Verquickung mit modernen, in die Zukunft weisenden Kompositionstechniken. Das Lied eignet sich wie kaum ein anderes musikalisches Genre, sich Komponisten auf sehr intime Weise zu nähern.
Man wird gerade Schütter geniessen können, aber diese CD bietet auch die Entdeckung eines für uns tonsprachlich unbekannten Sibelius' und eines Schoecks, der uns beweist, dass seine Überschwenglichkeit des Tonsatzes nicht unbedingt grosser Orchester oder Besetzungen bedarf. Auch Grieg klingt wenig vertraut und neu, da man ihn kaum in so kleinen Formen zu hören bekommt.
Die CD steht in der Spannung zwischen der Spätromantik mit ihrer sichtbaren Auflösung der Tonalität und der sehr ergreifenden musikalischen Ästhetik der emotionalen Kraft atonaler Komposition.



Wolfgang Giella ist Leiter der Kantonsbibliothek Graubünden. In loser Folge stellt er fortan im «Bündner Tagblatt» ein Klassikwerk aus der grossen Sammlung der Kantonsbibliothek vor.